Donnerstag, 24. April 2014

« »

Mariettas Kolumne: Der Stolz auf die Schlange ist die Verachtung des Kunden – Urlaub geht anders


Heute keine Schlange und keine 30 Minuten warten.

Von Marietta Herzberger

Wenn der Mensch viel arbeitet, braucht er ab und an ein wenig Urlaub. Die einen zieht es ins K√ľhle, die anderen an Palmenstr√§nde. Meine Freundin Susanne und ich geh√∂ren zu den anderen. Spontan entschlossen wir uns zu einem Pauschalurlaub in Zentraltunesien, in der N√§he von Monastir.

Von der Sahara…

Faszinierende W√ľste! Respekteinfl√∂√üend und fesselnd. Der n√∂tige Ausgleich f√ľr viele Monate harter Arbeit und Strapazen.
Das Hotel Karawansarei in Douz, am Rande der Sahara, war unser Quartier f√ľr eine Nacht innerhalb eines Touristen-Pauschal-Ausflugspaketes. Das Etablissement wirkte von Au√üen eher wie eine Festung und machte seinem Namen alle Ehre. Am n√§chsten Morgen wurden wir dann bereits kurz vor 5 Uhr geweckt, um rechtzeitig am Rande der Sahara einzutreffen, wo uns ein Kamelritt √ľber Sandd√ľnen in den Sonnenaufgang erwartete. Hierzu wurden wir mit unserem Bus direkt bis an die Beduinenzelte gefahren, um ja nicht zu viel Romantik aufkommen zu lassen.

Nun denn: Rauf auf die Kamele und ab in die W√ľste. Unbeschreiblich, welche Ruhe dieses weite Land fernab jeglicher Zivilisation ausstrahlt. Die beeindruckende Weite des Landes, der feine Sand, die Beduinen, die sich am Lagerfeuer vor ihren Zelten w√§rmten, dies alles √ľbte eine unglaubliche Faszination auf uns aus. Daran √§nderte auch die Tatsache nicht viel, dass wir diese Idylle mit ca. 80 weiteren Touristen teilen mussten.

Ein kurzweiliger, kaum vierst√ľndiger Ritt auf den gutm√ľtigen W√ľstenschiffen bei mittlerweise gef√ľhlten 40 Grad im Schatten brachte uns schlie√ülich an einen Kiosk.

Sieht so eine Oase aus?

Ein Kiosk? Mitten in der W√ľste? Ja, ein Kiosk mitten in der W√ľste! Egal! Wir alle d√ľrsteten nach Wasser und einem St√ľckchen Brot. Der Kamelf√ľhrer hob die Hand und rief etwas unverst√§ndliches, woraufhin alle Kamele pl√∂tzlich stehenblieben, sich erst nach vorne absenkten, um dann das Hinterteil ebenfalls zu Boden gleiten zu lassen. Susanne kippte fast vorn√ľber, blieb jedoch zum Gl√ľck mit ihrer G√ľrtelschnalle am Sattelknauf h√§ngen.

Kaum waren alle abgestiegen, gab uns der nette Beduine zu verstehen, dass wir uns hintereinander aufstellen sollten, um dem begehrten Nass inmitten der W√ľste baldig habhaft zu werden. Also standen wir in der Schlange. Wir f√ľhlten uns wie zu Hause. Es war noch keine halbe Stunde vergangen, da vernahmen wir von weit vorne einen Ruf.

“Seht!”, rief ein verdurstender Mitreisender begl√ľckt, “Seht nur!” Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf ein aufgestelltes Schild mit der Aufschrift:

…in die Dienstleistungsw√ľste

“TRINKEN!”, jubilierten wir und erhoben die H√§nde, “ESSEN!”, und etwas ungl√§ubig, “Badeartikel?”
In diesem Moment brach eine etwas f√ľlligere Frau vor uns in Tr√§nen aus. “Ein Pool! Ein POOL!”
Tats√§chlich! Kurz nach dem kleinen, wei√üen, in der Ferne kaum erkennbaren Geb√§ude, dem “Schwimmbad-Shop”, leuchtete etwas Blaues. Die Verlockung zeriss mich fast. Susanne heulte “Was sollen wir tun?”
“Warten!”, kr√§chzte ich selbstbeherrscht.

Die gesichtslose Masse am Anfang der Schlange konnte jedoch nicht an sich halten – zu nah war das erfrischende, k√ľhle Blau des Wassers. Kurzerhand √ľberw√§ltigten einige von ihnen den Kamelf√ľhrer, der erfolglos versuchte, den Mob in der Schlange zu halten.
“Wollen wir auch in den Pool?”, hauchte Susanne zwischen vertrockneten Lippen hervor.

“Nein”, st√∂hnte ich, w√§hrend ich mir die letzten Schwei√ütropfen von den Armen leckte. Eines stand f√ľr mich fest: Egal wie lang diese Schlange sein mochte, ich w√ľrde aushalten. TRINKEN! ESSEN! Das Kiosk – so weit es auch sein mochte – verk√∂rperte f√ľr mich die Oase schlechthin. Ich w√ľrde warten. Warten w√ľrde ich. Jawoll!

Nach zwei Stunden brach die dicke Frau vor mir zusammen. Ein mitleidiger Mitreisender trat k√ľhn aus seiner gesicherten Position und zog die Gl√ľckliche bis an den Pool. Dann st√ľrzte er wieder in die Schlange zur√ľck. Er musste sich hinten anstellen. Wir hatten eine undurchdringbare Kette gebildet. TRINKEN! ESSEN!

Langsam, sehr langsam ging es vorw√§rts. Die glei√üende Sonne lie√ü uns taumeln; an unseren F√ľ√üen rasselten die Ketten, die bei jedem Schritt den Sand der W√ľste aufwirbelten.

Da! Ein Aufschrei! Gequ√§lt blickten wir nach vorne. Von dort kam der Schrei. Vom Ort der Erl√∂sung. Dann noch ein Schrei. Und noch einer. Viele Schreie. Nein, eher Gebr√ľll. W√ľtendes, verzweifeltes Gebr√ľll einer w√ľtenden, verzweifelnden Herde. Nerv√∂s versuchten wir, einen Blick ins Get√ľmmel zu erhaschen. Mit einem Male st√ľrzten alle nach vorne. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass manche versuchten, den Kamelf√ľhrer im Pool zu ers√§ufen. Schlie√ülich l√∂ste sich die Schlange g√§nzlich auf.

Willkommen beim Schwimmbad-Shop in Viernheim.

Eben noch das letzte Glied, standen wir nun direkt vor dem “Schwimmbad-Shop”. Der letzte Schwei√ütropfen verdampfte zischend in der Luft als wir das lieblos aufgestellte Informationsschild vor den heruntergelassenen Rollladen entzifferten:

“Nur bei sch√∂nem Wetter ge√∂ffnet. Sch√∂nes Wetter ab 60 Grad.”

Entgeistert starrten wir uns an. Dann st√ľrzten wir in den Pool und halfen, den Kamelf√ľhrer zu ertr√§nken!

“MAMAA!”
Verbl√ľfft l√∂ste ich meine verkrampften Finger aus dem schwarzen Schopf des Beduinen.
“Maaaamaaa! Aufwachen!”

Etwas K√ľhles tropfte zwischen meine Schulterbl√§tter. Langsam √∂ffnete ich die Augen. Es dauerte nur Bruchteile einer Sekunde, bis ich erkannte, wo ich mich befand. Der vertraute Wildwuchs rund um das ehemalige Kinderbecken des Viernheimer Waldschwimmbades ist nicht gerade eine Augenweide, √ľberzeugte mich jedoch glaubhaft, nicht in der W√ľste verdurstet zu sein.

“Ich hab Hunger”, maulte Ella, meine Tochter, “Darf ich mir ein Fleischk√§sebr√∂tchen holen?”

“TRINKEN! ESSEN!”, fl√ľsterte ich.
“H√§?”
“Hat das Kiosk denn auf?”, fragte ich nicht grundlos. Gerade eben entdeckte ich eine Wolke am Himmel.

Shopping-Erlebnis.

Denn man muss wissen:
Der “Schwimmbad-Shop” im Viernheimer Waldschwimmbad hat nur bei sch√∂nem Wetter in Verbindung mit einer gewissen Anzahl an Schwimmbadbesuchern – welche Anzahl das ist, mag nur dem Kiosk-P√§chter bekannt sein – ge√∂ffnet. Ist es ge√∂ffnet, dann ist es in der Regel br√ľllend hei√ü und das Schwimmbad brechend voll. Was den P√§chter aber noch lange nicht dazu veranlasst, das zweite Fenster des Kiosk√ā¬ī zu √∂ffnen um dort dann evtl. Getr√§nke zu verkaufen. Nein, ein Fenster muss reichen f√ľr Essen und Getr√§nke mit einer Ein-Frau-Besetzung und einigen “Zubereitern” im Hintergrund.

Stolz auf die Schlange?

Trotz allem scheint der P√§chter sehr gewissenhaft zu sein. An schlechten Tagen, so erz√§hlt man sich – wobei “schlecht” durchaus individuell und gef√ľhlt sein kann – sucht er mehrmals die unmittelbare N√§he seines Kiosk auf, schaut gen Himmel, entdeckt eine Wolke, z√§hlt die Badeg√§ste ab und geht wieder.

Sollte der Himmel aufreißen und Scharen Einlass begehren, so öffnet er seine kulinarischen Pforten und bietet Fleischkäsebrötchen, Pommes und Currywurst gegen wenig Geld. Soweit, so löblich. Die Schlange nimmt er offenbar stolz zur Kenntnis, zeigt sie doch auf, wie begehrt sein Angebot ist.

Hastig wirft er Stuhl und Tisch vor die gitternen Tore des Bades, so dass jeder hungrige Platz nehmen kann. Diese herzlich lieblos gestaltete Umgebung verleitet so manch hungriges Geschöpf, die ergatterte Mahlzeit direkt auf der Liegewiese zu sich zu nehmen. Verständlich.

Wer sitzt schon gerne an hei√üen Tagen auf hei√üem Plastik direkt vor Gitterst√§ben in unmittelbarer N√§he zur Stra√üe, zu Toiletten – auch wenn es praktisch erscheinen mag, so harmonieren die gelegentlich her√ľberwehenden D√ľfte nicht wirklich mit dem Aroma von Pommes – und mit Blick auf eingez√§unten Wildwuchs?

Gem√ľtlich geht anders.

Nun, es ist vielleicht nicht nur mir ein seit Jahren existierendes Rätsel, welches wohl nie gelöst werden wird, warum die Pächter des Viernheimer Schwimmbad-Shops offenbar selbst kein Interesse an einem florienden Kiosk aufbringen wollen oder können. Verzeihen Sie mir meine offenen Worte. Niemand kann hinter die Kulissen schauen und ehrlich gesagt, möchte und muss ich das auch nicht.

Dass es auch anders geht, beweisen das Kiosk des Weinheimer Sees oder insbesondere die Gastronomie im Heddesheimer Schwimmbad. Wie sagte ein Freund neulich? “Horche mol. Kummt mol mit ins Heddesheimer Freibad. Do hoggscht wie in die Karibik uff Longschmebel mit de Fie√ü im Sond.” Ja, denke ich mir, leider gibt es dort aber kein F√ľnzig-Meter-Becken wie im Viernheimer Waldschwimmbad.

Potential ist da – auch um die Ecke.

Potential w√§re da. Totes Kapital liegt gen√ľgend herum, √§hnlich wie die heruntergefallenen Pommes vor dem Ausgabestand, die man sich umst√§ndlich aus den Zehen pulen muss, wenn man auch nur am Kiosk vorbeil√§uft – bei sch√∂nem Wetter wohlgemerkt.

Vor kurzem war sch√∂nes Wetter. Es war warm. Nicht hei√ü, aber warm. Ein paar Wolken zogen √ľber den Himmel. Zusammen mit ein paar M√§dchen im Alter meiner Tochter schwammen wir ein paar Runden. Dann hatten die M√§dchen Hunger. Der Kiosk war geschlossen, wie so oft. Wenn Sie jetzt sagen, dann soll sich die Frau doch etwas mitnehmen, haben Sie recht.

Aber ist das im Sinne des P√§chters? K√∂nnte nicht wenigstens die Grundversorgung – eventuell in Form von Brezeln – gesichert sein? Das w√§re doch mal ein Anfang. Wir meinen es nicht b√∂se. Wir wollen doch nur ein bisschen Verl√§sslichkeit, gesicherte √Ėffnungszeiten, nett sitzen und die leckeren Fleischk√§sebr√∂tchen.

Nun, das “Maximum” direkt neben dem Schwimmbad ist fu√ül√§ufig in 35 Sekunden zu erreichen. Dort warte ich ca. f√ľnf Minuten in angenehmer Atmosph√§re auf eine Pizza- bekomme noch einen Espresso umsonst, weil ich mich jedes Mal √ľber die “Servicew√ľste Viernheimer Waldschwimmbad-Kiosk” √§rgere – und bin nach ungef√§hr 8 Minuten – die Zeit der Bestellaufnahme und Bezahlung mit eingerechnet – wieder auf dem Handtuch bei meinen M√§dels.

Da habe ich obendrein auch noch ca. 20 Minuten gespart. Warum? So muss niemand von uns 30 Minuten in der Schlange stehen und im g√ľnstigsten Fall f√ľr vier M√§dchen je ein Fleischk√§sebr√∂tchen erstehen. F√ľr Kaffee oder eine “T√ľte S√ľ√ües” steht man genauso lange. Vorausgesetzt, es ist ge√∂ffnet.

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine “journalistischen” Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: “Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen” – Konrad Adenauer. Und: “Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren” – Bertolt Brecht. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!

Moderation von Kommentaren

Die Moderation liegt bei der Redaktion. F√ľr uns steht fest: Kritische Diskussionen sind erw√ľnscht, pers√∂nliche Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren steht in der Netiquette.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.