Montag, 24. November 2014

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Mariettas Kolumne: Der Stolz auf die Schlange ist die Verachtung des Kunden – Urlaub geht anders


Heute keine Schlange und keine 30 Minuten warten.

Von Marietta Herzberger

Wenn der Mensch viel arbeitet, braucht er ab und an ein wenig Urlaub. Die einen zieht es ins K├╝hle, die anderen an Palmenstr├Ąnde. Meine Freundin Susanne und ich geh├Âren zu den anderen. Spontan entschlossen wir uns zu einem Pauschalurlaub in Zentraltunesien, in der N├Ąhe von Monastir.

Von der Sahara…

Faszinierende W├╝ste! Respekteinfl├Â├čend und fesselnd. Der n├Âtige Ausgleich f├╝r viele Monate harter Arbeit und Strapazen.
Das Hotel Karawansarei in Douz, am Rande der Sahara, war unser Quartier f├╝r eine Nacht innerhalb eines Touristen-Pauschal-Ausflugspaketes. Das Etablissement wirkte von Au├čen eher wie eine Festung und machte seinem Namen alle Ehre. Am n├Ąchsten Morgen wurden wir dann bereits kurz vor 5 Uhr geweckt, um rechtzeitig am Rande der Sahara einzutreffen, wo uns ein Kamelritt ├╝ber Sandd├╝nen in den Sonnenaufgang erwartete. Hierzu wurden wir mit unserem Bus direkt bis an die Beduinenzelte gefahren, um ja nicht zu viel Romantik aufkommen zu lassen.

Nun denn: Rauf auf die Kamele und ab in die W├╝ste. Unbeschreiblich, welche Ruhe dieses weite Land fernab jeglicher Zivilisation ausstrahlt. Die beeindruckende Weite des Landes, der feine Sand, die Beduinen, die sich am Lagerfeuer vor ihren Zelten w├Ąrmten, dies alles ├╝bte eine unglaubliche Faszination auf uns aus. Daran ├Ąnderte auch die Tatsache nicht viel, dass wir diese Idylle mit ca. 80 weiteren Touristen teilen mussten.

Ein kurzweiliger, kaum vierst├╝ndiger Ritt auf den gutm├╝tigen W├╝stenschiffen bei mittlerweise gef├╝hlten 40 Grad im Schatten brachte uns schlie├člich an einen Kiosk.

Sieht so eine Oase aus?

Ein Kiosk? Mitten in der W├╝ste? Ja, ein Kiosk mitten in der W├╝ste! Egal! Wir alle d├╝rsteten nach Wasser und einem St├╝ckchen Brot. Der Kamelf├╝hrer hob die Hand und rief etwas unverst├Ąndliches, woraufhin alle Kamele pl├Âtzlich stehenblieben, sich erst nach vorne absenkten, um dann das Hinterteil ebenfalls zu Boden gleiten zu lassen. Susanne kippte fast vorn├╝ber, blieb jedoch zum Gl├╝ck mit ihrer G├╝rtelschnalle am Sattelknauf h├Ąngen.

Kaum waren alle abgestiegen, gab uns der nette Beduine zu verstehen, dass wir uns hintereinander aufstellen sollten, um dem begehrten Nass inmitten der W├╝ste baldig habhaft zu werden. Also standen wir in der Schlange. Wir f├╝hlten uns wie zu Hause. Es war noch keine halbe Stunde vergangen, da vernahmen wir von weit vorne einen Ruf.

“Seht!”, rief ein verdurstender Mitreisender begl├╝ckt, “Seht nur!” Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf ein aufgestelltes Schild mit der Aufschrift:

…in die Dienstleistungsw├╝ste

“TRINKEN!”, jubilierten wir und erhoben die H├Ąnde, “ESSEN!”, und etwas ungl├Ąubig, “Badeartikel?”
In diesem Moment brach eine etwas f├╝lligere Frau vor uns in Tr├Ąnen aus. “Ein Pool! Ein POOL!”
Tats├Ąchlich! Kurz nach dem kleinen, wei├čen, in der Ferne kaum erkennbaren Geb├Ąude, dem “Schwimmbad-Shop”, leuchtete etwas Blaues. Die Verlockung zeriss mich fast. Susanne heulte “Was sollen wir tun?”
“Warten!”, kr├Ąchzte ich selbstbeherrscht.

Die gesichtslose Masse am Anfang der Schlange konnte jedoch nicht an sich halten – zu nah war das erfrischende, k├╝hle Blau des Wassers. Kurzerhand ├╝berw├Ąltigten einige von ihnen den Kamelf├╝hrer, der erfolglos versuchte, den Mob in der Schlange zu halten.
“Wollen wir auch in den Pool?”, hauchte Susanne zwischen vertrockneten Lippen hervor.

“Nein”, st├Âhnte ich, w├Ąhrend ich mir die letzten Schwei├čtropfen von den Armen leckte. Eines stand f├╝r mich fest: Egal wie lang diese Schlange sein mochte, ich w├╝rde aushalten. TRINKEN! ESSEN! Das Kiosk – so weit es auch sein mochte – verk├Ârperte f├╝r mich die Oase schlechthin. Ich w├╝rde warten. Warten w├╝rde ich. Jawoll!

Nach zwei Stunden brach die dicke Frau vor mir zusammen. Ein mitleidiger Mitreisender trat k├╝hn aus seiner gesicherten Position und zog die Gl├╝ckliche bis an den Pool. Dann st├╝rzte er wieder in die Schlange zur├╝ck. Er musste sich hinten anstellen. Wir hatten eine undurchdringbare Kette gebildet. TRINKEN! ESSEN!

Langsam, sehr langsam ging es vorw├Ąrts. Die glei├čende Sonne lie├č uns taumeln; an unseren F├╝├čen rasselten die Ketten, die bei jedem Schritt den Sand der W├╝ste aufwirbelten.

Da! Ein Aufschrei! Gequ├Ąlt blickten wir nach vorne. Von dort kam der Schrei. Vom Ort der Erl├Âsung. Dann noch ein Schrei. Und noch einer. Viele Schreie. Nein, eher Gebr├╝ll. W├╝tendes, verzweifeltes Gebr├╝ll einer w├╝tenden, verzweifelnden Herde. Nerv├Âs versuchten wir, einen Blick ins Get├╝mmel zu erhaschen. Mit einem Male st├╝rzten alle nach vorne. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass manche versuchten, den Kamelf├╝hrer im Pool zu ers├Ąufen. Schlie├člich l├Âste sich die Schlange g├Ąnzlich auf.

Willkommen beim Schwimmbad-Shop in Viernheim.

Eben noch das letzte Glied, standen wir nun direkt vor dem “Schwimmbad-Shop”. Der letzte Schwei├čtropfen verdampfte zischend in der Luft als wir das lieblos aufgestellte Informationsschild vor den heruntergelassenen Rollladen entzifferten:

“Nur bei sch├Ânem Wetter ge├Âffnet. Sch├Ânes Wetter ab 60 Grad.”

Entgeistert starrten wir uns an. Dann st├╝rzten wir in den Pool und halfen, den Kamelf├╝hrer zu ertr├Ąnken!

“MAMAA!”
Verbl├╝fft l├Âste ich meine verkrampften Finger aus dem schwarzen Schopf des Beduinen.
“Maaaamaaa! Aufwachen!”

Etwas K├╝hles tropfte zwischen meine Schulterbl├Ątter. Langsam ├Âffnete ich die Augen. Es dauerte nur Bruchteile einer Sekunde, bis ich erkannte, wo ich mich befand. Der vertraute Wildwuchs rund um das ehemalige Kinderbecken des Viernheimer Waldschwimmbades ist nicht gerade eine Augenweide, ├╝berzeugte mich jedoch glaubhaft, nicht in der W├╝ste verdurstet zu sein.

“Ich hab Hunger”, maulte Ella, meine Tochter, “Darf ich mir ein Fleischk├Ąsebr├Âtchen holen?”

“TRINKEN! ESSEN!”, fl├╝sterte ich.
“H├Ą?”
“Hat das Kiosk denn auf?”, fragte ich nicht grundlos. Gerade eben entdeckte ich eine Wolke am Himmel.

Shopping-Erlebnis.

Denn man muss wissen:
Der “Schwimmbad-Shop” im Viernheimer Waldschwimmbad hat nur bei sch├Ânem Wetter in Verbindung mit einer gewissen Anzahl an Schwimmbadbesuchern – welche Anzahl das ist, mag nur dem Kiosk-P├Ąchter bekannt sein – ge├Âffnet. Ist es ge├Âffnet, dann ist es in der Regel br├╝llend hei├č und das Schwimmbad brechend voll. Was den P├Ąchter aber noch lange nicht dazu veranlasst, das zweite Fenster des Kiosk├é┬┤ zu ├Âffnen um dort dann evtl. Getr├Ąnke zu verkaufen. Nein, ein Fenster muss reichen f├╝r Essen und Getr├Ąnke mit einer Ein-Frau-Besetzung und einigen “Zubereitern” im Hintergrund.

Stolz auf die Schlange?

Trotz allem scheint der P├Ąchter sehr gewissenhaft zu sein. An schlechten Tagen, so erz├Ąhlt man sich – wobei “schlecht” durchaus individuell und gef├╝hlt sein kann – sucht er mehrmals die unmittelbare N├Ąhe seines Kiosk auf, schaut gen Himmel, entdeckt eine Wolke, z├Ąhlt die Badeg├Ąste ab und geht wieder.

Sollte der Himmel aufrei├čen und Scharen Einlass begehren, so ├Âffnet er seine kulinarischen Pforten und bietet Fleischk├Ąsebr├Âtchen, Pommes und Currywurst gegen wenig Geld. Soweit, so l├Âblich. Die Schlange nimmt er offenbar stolz zur Kenntnis, zeigt sie doch auf, wie begehrt sein Angebot ist.

Hastig wirft er Stuhl und Tisch vor die gitternen Tore des Bades, so dass jeder hungrige Platz nehmen kann. Diese herzlich lieblos gestaltete Umgebung verleitet so manch hungriges Gesch├Âpf, die ergatterte Mahlzeit direkt auf der Liegewiese zu sich zu nehmen. Verst├Ąndlich.

Wer sitzt schon gerne an hei├čen Tagen auf hei├čem Plastik direkt vor Gitterst├Ąben in unmittelbarer N├Ąhe zur Stra├če, zu Toiletten – auch wenn es praktisch erscheinen mag, so harmonieren die gelegentlich her├╝berwehenden D├╝fte nicht wirklich mit dem Aroma von Pommes – und mit Blick auf eingez├Ąunten Wildwuchs?

Gem├╝tlich geht anders.

Nun, es ist vielleicht nicht nur mir ein seit Jahren existierendes R├Ątsel, welches wohl nie gel├Âst werden wird, warum die P├Ąchter des Viernheimer Schwimmbad-Shops offenbar selbst kein Interesse an einem florienden Kiosk aufbringen wollen oder k├Ânnen. Verzeihen Sie mir meine offenen Worte. Niemand kann hinter die Kulissen schauen und ehrlich gesagt, m├Âchte und muss ich das auch nicht.

Dass es auch anders geht, beweisen das Kiosk des Weinheimer Sees oder insbesondere die Gastronomie im Heddesheimer Schwimmbad. Wie sagte ein Freund neulich? “Horche mol. Kummt mol mit ins Heddesheimer Freibad. Do hoggscht wie in die Karibik uff Longschmebel mit de Fie├č im Sond.” Ja, denke ich mir, leider gibt es dort aber kein F├╝nzig-Meter-Becken wie im Viernheimer Waldschwimmbad.

Potential ist da – auch um die Ecke.

Potential w├Ąre da. Totes Kapital liegt gen├╝gend herum, ├Ąhnlich wie die heruntergefallenen Pommes vor dem Ausgabestand, die man sich umst├Ąndlich aus den Zehen pulen muss, wenn man auch nur am Kiosk vorbeil├Ąuft – bei sch├Ânem Wetter wohlgemerkt.

Vor kurzem war sch├Ânes Wetter. Es war warm. Nicht hei├č, aber warm. Ein paar Wolken zogen ├╝ber den Himmel. Zusammen mit ein paar M├Ądchen im Alter meiner Tochter schwammen wir ein paar Runden. Dann hatten die M├Ądchen Hunger. Der Kiosk war geschlossen, wie so oft. Wenn Sie jetzt sagen, dann soll sich die Frau doch etwas mitnehmen, haben Sie recht.

Aber ist das im Sinne des P├Ąchters? K├Ânnte nicht wenigstens die Grundversorgung – eventuell in Form von Brezeln – gesichert sein? Das w├Ąre doch mal ein Anfang. Wir meinen es nicht b├Âse. Wir wollen doch nur ein bisschen Verl├Ąsslichkeit, gesicherte ├ľffnungszeiten, nett sitzen und die leckeren Fleischk├Ąsebr├Âtchen.

Nun, das “Maximum” direkt neben dem Schwimmbad ist fu├čl├Ąufig in 35 Sekunden zu erreichen. Dort warte ich ca. f├╝nf Minuten in angenehmer Atmosph├Ąre auf eine Pizza- bekomme noch einen Espresso umsonst, weil ich mich jedes Mal ├╝ber die “Servicew├╝ste Viernheimer Waldschwimmbad-Kiosk” ├Ąrgere – und bin nach ungef├Ąhr 8 Minuten – die Zeit der Bestellaufnahme und Bezahlung mit eingerechnet – wieder auf dem Handtuch bei meinen M├Ądels.

Da habe ich obendrein auch noch ca. 20 Minuten gespart. Warum? So muss niemand von uns 30 Minuten in der Schlange stehen und im g├╝nstigsten Fall f├╝r vier M├Ądchen je ein Fleischk├Ąsebr├Âtchen erstehen. F├╝r Kaffee oder eine “T├╝te S├╝├čes” steht man genauso lange. Vorausgesetzt, es ist ge├Âffnet.

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen ├╝ber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos ├╝berzogen. Es sind keine “journalistischen” Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: “Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen” – Konrad Adenauer. Und: “Wer k├Ąmpft, kann verlieren. Wer nicht k├Ąmpft, hat schon verloren” – Bertolt Brecht. Wir w├╝nschen unseren Lesern viel Lesespa├č mit ihren Texten!

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├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.