Der Brückensprung einer jungen Frau vom Collini-Steg am vergangenen Samstag endete für die erst 18-jährige tödlich. Eine Freundin sprang ihr hinterher, eine andere ging vom Ufer aus ins Wasser. Beide hatten Glück, denn Flüsse sind hochgefährliche Gewässer. Das heddesheimblog hat dazu den Pressesprecher des Mannheimer Polizeipräsidiums, Martin Boll, befragt.
Interview: Hardy Prothmann
Herr Boll, wie viele Brückensprünge gibt es im Jahr?
Martin Boll: “Wir erfahren nur von einer Handvoll. Die Dunkelziffer ist sicher höher.”
Aus welchen Gründen springen Menschen von Brücken ins Wasser?
“Meistens sind das Jugendliche und Heranwachsende, die oft in Verbindung mit Alkohol, teils auch Drogen keine Hemmungen mehr haben.
Kombiniert mit Mutproben oder einem Selbstdarstellungstrieb sinkt die Wahrnehmung für die enorme Gefahr eines solchen Sprungs.
Sonst gibt es noch Menschen mit suizidalen Absichten, die von Brücken springen.”
Wo wird bevorzugt gesprungen?
“Hier bei uns in Mannheim vor allem von den Neckarbrücken und vom Collini-Steg.”
Welchen Gefahren sind die Springer ausgesetzt?
“Einer Menge. Das fängt bei der großen Höhe an. Turmspringer wissen, wie sie springen müssen, der normale Mensch nicht. Ein korrekter Sprung ist fast nicht möglich für einen ungeübten Menschen. Kommt man schräg auf, mit dem Kopf oder dem Oberkörper kann das schon böse Folgen haben.
Außerdem kann man absolut nicht erkennen, ob sich kurz unter der Wasseroberfläche etwas im Wasser befindet, also Treibgut jeglicher Art. Wenn man da drauf springt, ist das, als springe man auf Beton, weil das Wasser nicht schnell genug verdrängt werden kann.
Gerade bei Brücken sind die Fundamente der Pfeiler oft so großräumig gegossen, dass die Gefahr dort aufzuschlagen enorm hoch ist.”
Aber auch das Wasser an sich birgt Gefahren?
“Vollkommen unterschätzt wird die Temperatur des Wassers, die beim Neckar selbst im Sommer oft nur bei 15-17° Celsius liegt. Selbst gute Schwimmer ermüden schnell bei solchen Temperaturen.
Und dann kommt noch die Strömung hinzu, die ständig wechselt und zu Strudeln führen kann, die einen chancenlos unter Wasser ziehen.
Selbst Polizisten, die körperlich durchtrainiert sind, haben oft große Mühe an ein Opfer heranzukommen, weil die Umstände so widrig sind.”
Sind die Strömungen in der Flussmitte höher als am Rand?
“Das kann niemand pauschal sagen. Das hängt von der Jahreszeit ab, der Wasserhöhe, was sich im Wasser befindet. An jeder Stelle kann es von einem zum anderen Tag zu einer veränderten Situation kommen.
Vor ein paar Wochen ist ein kleines Mädchen am Neckar in eine Strömung geraten. Sie wurde weggerissen und konnte nur noch tot geborgen werden. Es gab keine Chance, um einzugreifen.”
Wie soll man sich verhalten, wenn man einen oder mehrere Brückenspringer sieht?
“Fast jeder hat heute ein Handy und sollte ohne zu Zögern sofort die Polizei benachrichtigen. Jede Sekunde zählt und kann Leben retten. Brückensprünge sind kein Spaß, sondern absolut lebensgefährlich.”
Sollte man, bis die Polizei eintrifft, selbst Hilfe leisten und vom Ufer aus ins Wasser gehen?
“Eher nicht. Es ist zwar ehrenvoll, helfen zu wollen, aber wie gesagt, fließende Gewässer sind unberechenbar und sehr gefährlich.
Wer kein ausgebildeter Rettungsschwimmer ist und in der körperlichen Verfassung sich und einen anderen zu retten, bleibt besser am Ufer und beobachtet die Szene, um Rettungskräften Angaben machen zu können. Auch ein Rettungsschwimmer wird immer zuerst auf die Eigensicherung achten.”
Wie reagieren Brückenspringer, die von der Polizei oder anderen gerettet wurden?
“Die zeigen sich vollkommen perplex über die Situation und gestehen dann ein, dass sie das enorme Risiko vollkommen falsch eingeschätzt haben und sind froh, dass sie noch am Leben sind.”
Können Eltern solche Mutproben verhindern?
“Ja, durch Aufklärung. Ich kann nur allen Eltern raten mit ihren Kindern gleich welchen Alters über die Gefahren von Gewässern zu sprechen. Ob am Badesee, im Schwimmbad oder im Urlaub am Meer. Ganz klar ist: Flüsse müssen überwiegend tabu sein. Nur an konkret ausgewiesenen Stellen sollte man dort baden gehen.”
Hintergrund:
Heute wird ein Mannheimer Polizist für seinen selbstlosen Einsatz mit einer Ehrenurkunde des Landes Baden-Württemberg und einem Ehrengeld ausgezeichnet, weil er im vergangenen Jahr unter Einsatz seines eigenen Lebens einen Mann aus dem Neckar gerettet hat.
Der 38-jährige Polizist schwamm um 22:40 Mitte September bei 15° Celsius Wassertemperatur rund 15 Meter in den Neckar, um den 47-jährigen, der hilflos im Wasser trieb, zu bergen. Der Mann wollte Suizid begehen und war von der Neckarbrücke gesprungen. Der Polizist konnte durch seinen mutigen Einsatz das Leben des Mannes retten.
















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