Heddesheim, 01. MĂ€rz 2012. (red) Heute ist der partei- und fraktionsfreie Hardy Prothmann aus dem Heddesheimber Gemeinderat ausgeschieden. Wir dokumentieren die Abschlussrede.
“Sehr geehrte BĂŒrgerinnen und BĂŒrger, sehr geehrte GemeinderĂ€tinnen und GemeinderĂ€te, sehr geehrter Herr BĂŒrgermeister.
Ich bedaure sehr, dieses Gremium nach zwei Jahren und neun Monaten verlassen zu mĂŒssen, weil die Gemeindeordnung dies so vorsieht. Da ich nicht mehr in Heddesheim wohne, bin ich kein wĂ€hlbarer Heddesheimer BĂŒrger mehr und muss mein Ehrenamt abgeben.
Ich bedaure nicht den Sinngehalt der kommunalen Verfassung – natĂŒrlich ist es stimmig, dass GemeinderĂ€te auch BĂŒrger der Gemeinde sein sollen und mĂŒssen.
Die Zeit und Mitwirkung im Gemeinderat habe ich gemÀà meines Wahlversprechens nach bestem Wissen und Gewissen genutzt und mich aktiv eingebracht. Ich habe gröĂtmögliche Transparenz versprochen, BĂŒrgerbeteiligung, UnabhĂ€ngigkeit und eine kritische Haltung.
Ob es dabei immer maĂvoll von meiner Seite zugegangen ist, möchte ich nicht selbst beurteilen. Sondern ich stelle auch hier wieder die Frage, wer alles beteiligt war, wer fĂŒr was verantwortlich ist, wer sich wie eingebracht hat. Und die Antworten mögen die BĂŒrgerinnnen und BĂŒrger Heddesheims selbst finden.
Den einen wars zuviel, andere konnten nicht genug davon bekommen, wenn ich, wie der Noch-Kollege Andreas Schuster es ausgedrĂŒckt hat, eine um die andere Attacke im Galopp geritten bin.
Das aber ist nicht ganz richtig – mein Ansporn war niemals Attacke zu reiten, weder im Galopp noch in einer anderen Schrittform. Ich habe nur Fragen gestellt und Positionen vertreten.
Ich habe mich darum bemĂŒht, mein Ehrenamt mit Verantwortung auszufĂŒllen. Verantwortlich zu sein, fĂŒr das, was ich mitbestimme, indem ich Ja, Nein oder Enthaltung sage. Und dafĂŒr GrĂŒnde benannt habe.
Und indem ich mich bemĂŒht habe, vor jeder Entscheidung zu wissen, warum ich mich wie entscheide.
Nicht nach einer parteipolitischen Linie, nicht nach einem Fraktionszwang, nicht, damit die Stimmung unter den âKollegenâ gut ist, nicht, um mir selbst oder anderen zu gefallen, nicht, um mich in sinnlosen, nicht enden wollenden Selbstdarstellungsreden zu ergehen und schon gar nicht, um persönliche Vorteile zu erlangen.
Das kann ich guten Gewissens ĂŒber diese spannende Zeit feststellen. AuĂerdem hat es mich sehr gefreut, dass die Besucherzahlen bei Heddesheimer Gemeinderatssitzungen mit Abstand an der Spitze aller zehn Kommunen im Wahlkreis 39 liegen. Das ist bemerkenswert und war wohl frĂŒher einmal anders.
Da man mich fĂŒr meine offenen Worte kennt, bin ich zum Abschied gerne bereit, ein paar zu Ă€uĂern.
Beispielsweise zu den GrĂŒnen. Was leider zu wenig aufgefallen ist: Die haben als erste Partei die volle Breitseite meiner kritischen Haltung abbekommen.
Die GrĂŒnen haben sich ebenso wie andere mit meiner Kritik zunĂ€chst schwer getan, aber sie sind damit umgegangen. Das respektiere ich. Wir waren oft, aber nicht immer einer Meinung und es wurde nach Ăberzeugungen, nach Argumenten und Fakten entschieden. FĂŒr die gute und offene Zusammenarbeit möchte ich mich ausdrĂŒcklich bedanken.
Bedauerlich finde ich, dass die anderen Fraktionen ĂŒberwiegend nicht mit Kritik umgehen können. Kritik heiĂt im Wortsinne, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen.
Jeder hat seine Haltung fĂŒr sich zu verantworten und alle BĂŒrgerinnen und BĂŒrger können sich ihr eigenes Bild von ihren politischen Vertretern machen.
Was bedeuten diesen Ratsmitgliedern Ehre und Amt? Laut Gemeindeordnung ist jeder Gemeinderat souverĂ€n und hat sich fĂŒr das Wohl der Gemeinde und der Abwehr von Schaden einzusetzen. Können alle hier im Rat nach bestem Wissen und Gewissen die Frage, ob sie danach gehandelt haben, mit Ja beantworten?
Es ist nur eine Frage. Die Antwort muss jeder selbst finden. Und die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger bilden sich ihre eigene Meinung darĂŒber.
NatĂŒrlich möchte ich auch Sie, Herr BĂŒrgermeister, in meiner Abschiedsrede nicht vergessen.
Und auch, wenn Sie das nicht erwarten, werde ich Sie zuerst loben. Sie sind ein fleiĂiger Verwaltungsbeamter.
Da ich viele Gemeinderatssitzungen besuche oder von meinen Mitarbeitern Kenntnis erlange, weiĂ ich, dass ihre Sitzungen in aller Regel gut bis sehr gut vorbereitet sind.
Ob die Art, wie Sie in dieser Wahlperiode bislang die Sitzungen geleitet haben, ebenfalls als gut bis sehr gut zu betrachten ist, ĂŒberlasse ich wiederum dem Urteil aller Menschen, die sich dafĂŒr interessiert haben. Und vielleicht, Herr Kessler, kommen Sie in einer ruhigen Minute auch auf selbstkritische Gedanken.
Wiederholten Wortentzug, Redeverbot fĂŒr Gutachter, Drohungen mit Ordnungsgeld, Abmahnungen und andere Druckmittel habe ich in den Sitzungen anderer Gemeinden nicht feststellen können. Man stellt sich dort dem Diskurs und achtet das Amt der GemeinderĂ€te.
Es ist Ihre Verantwortung, Ihr VermĂ€chtnis, die schöne Wohngemeinde Heddesheim durch und in der âPfenningâ-Frage gespalten zu haben.
Der renommierteste Politikwissenschaftler Baden-WĂŒrttembergs, der TĂŒbinger Professor Wehling, hat klar festgestellt, dass man gegen die HĂ€lfte der Bevölkerung keine Entscheidung durchdrĂŒcken darf, ohne das eine Gemeinde einen massiven politischen Schaden davontrĂ€gt.
Das war und ist Ihnen, Herr Kessler, aus welchen GrĂŒnden auch immer, nach Aktenlage egal.
Leider verstehen Sie Kritik ĂŒberwiegend persönlich – entweder man ist mit Ihnen oder gegen Sie. Mit ging es immer um die Sache.
Und damit wir uns heute hier im Rat zum letzten Mal richtig verstehen: Ich respektiere Sie dafĂŒr.
Respektare heiĂt nĂ€mlich zurĂŒckschauen und nichts anderes habe ich gerade gemacht.
Wenn ich zurĂŒckschaue, sehe ich einen BĂŒrgernmeister, der nicht Meister aller BĂŒrger ist, sondern einen, der sich gerne zum 100-Millionen-Euro-Kessler machen wollte und fĂŒr âBedĂŒrfnisseâ eines fragwĂŒrdigen Unternehmens mehr VerstĂ€ndnis hat, als dafĂŒr, was die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger denken. Und sicher sindnach all den Problemen mittlerweile mehr als die HĂ€lfte des Ortes gegen das âPfenningâ-Projekt, weil immer klarer wird, das wenig bis nichts von den Versprechungen, die Sie, Herr Kessler, zuallererst, versprochen haben.
Deswegen bedaure ich es umso mehr, dass ich in diesem Gemeinderat nicht mehr mitwirken darf. Als kritische Stimme. Denn wenn ich nach vorne schaue, gibt es zu wenige kritische Stimmen aus tatsÀchlich allen Fraktionen in diesem Rat.
Nachdem ich als Gemeinderat ausgeschieden bin, kann ich mich ganz meiner journalistischen TĂ€tigkeit widmen, was ich direkt im Anschluss durch den Wechsel an den Pressetisch tun werde.
Den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern in Heddesheim verspreche ich weiterhin Transparenz, eine kritische Haltung – und zwar gegenĂŒber allen. Das war mein Wahlversprechen – das habe ich gehalten.
FĂŒr mich ist der Abschied bedauerlich, weil ich mich gerne fĂŒr die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger eingebracht habe, aber er hat auch klare Vorteile.
Als Gemeinderat war ich zu oft zur Verschwiegenheit verpflichtet – sonst hĂ€tte mir ein Ordnungsgeld von bis zu 1.000 Euro gedroht.
Als Journalist bin ich nicht mehr an Verschwiegenheitspflichten gebunden, sondern kann frei und kritisch gemÀà Artikel 5 Grundgesetz berichten.
Man wird sehen, ob die Freude, die sicherlich der ein oder andere hier im Gemeinderat und in der Gemeinde ĂŒber mein Ausscheiden empfinden, in der Zukunft anhalten wird.
Ich möchte mich bei meinen WĂ€hlerinnen und WĂ€hlern fĂŒr Ihr Vertrauen bedanken und hoffe, dass ich wĂ€hrend meiner Amtszeit alle BĂŒrgerinnen und BĂŒrger mindestens gut vertreten habe.
Ebenso bei den Bediensteten der Gemeinde, die mir ganz ĂŒberwiegend hilfsbereit, freundlich und kompetent begegnet sind.
Meinem NachrĂŒcker wĂŒnsche ich Mut und Entschlossenheit und die Haltung, dass er sein Amt souverĂ€n, das heiĂt, nur seinem Gewissen unterworfen, ausfĂŒllen kann.
Den frĂŒheren âKollegenâ wĂŒnsche ich eine gute Restzeit in der aktuellen Wahlperiode. Herr Schuster hat in einem Artikel geschrieben, dass er sich wĂŒnscht, der Gemeinderat möge ohne mich nicht zum Business as usual zurĂŒckzukehren, sondern weiter im 21. Jahrhundert voran schreiten. Ich teile diesen Wunsch und hoffe auf das beste.
Ich bleibe Heddesheim verbunden, als Journalist, und bemĂŒhe mich, zu dem, was den Ort bewegt, wie gewohnt kritisch etwas beitragen zu können.”
Anm. d. Redaktion: Hardy Prothmann ist fĂŒr das Heddesheimblog.de als Redaktionsleiter verantwortlich.
















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